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Waren sie schon einmal in einer Großstadt? (Nette kleinere Ortschaften wie München, Stuttgart oder Köln gelten nicht...) Paris ist jedenfalls eine. Innerhalb der "Stadtmauern" leben über zwei Millionen Menschen, nimmt man noch einige Vororte dazu (die sogenannte "banlieu"), sind es grob zwischen sechs und neun Millionen (je nach Quelle...). Wieviel das ist, wird einem erst so richtig bewußt, wenn man versucht zur Stoßzeit öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen oder einfach nur in die andere Richtung möchte. Einiges wird ihnen also vielleicht ungewohnt erscheinen:
Es sind ihrer nicht nur viele, sie gehören auch verschiedenstens Rassen an, tragen teilweise exotische Kleidung und sprechen unterschiedliche Sprachen. Daraus zu folgern, daß es sich um Ausländer handelte wäre allerding verkehrt. Die meisten sind Franzosen, viele sogar echte Pariser. (Ein waschechter Pariser wird ihnen niemals sagen, er sei Pariser. Er wird sich mit der Nummer seines Arrondissements ausweisen und nicht vergessen, ihnen zu erzählen, seit wievielen Generationen seine Familie da schon lebt.) Dennoch hält das viele ethnische Gruppen nicht davon ab, einen Teil ihrer Heimatkultur in Paris zu leben. So lebt die chinesische Kultur im 13. Arrondissement, die "indische" Ecke (Pakistanis, Bangladeshis und anderen) befindet sich im 10. und im 18. sind Arabischkenntnisse vielfach nützlicher als die französische Sprache. Neben Restaurants und Lebensmittelgeschäften befinden sich dort jeweils auch Buchhandlungen oder Videotheken mit einem breiten Angebot in den dazugehörigen Sprachen. Und nebenbei bemerkt: mit den Ethnien variieren auch Haut- und Haarfarbe, das ist nur natürlich und keineswegs ein Grund zur Beunruhigung. Und man wird auch keineswegs überfallen und ausgeraubt, wenn man sich als einziger "Weißer", "Gelber", "Schwarzer",... (als "Grüner" sollte man schon eher vorsichtig sein, bei gewissen Bevölkerungsschichten ruft die Nennung des Namens "Cohn-Bendit" beträchtliche Schimpfkanonaden hervor; sehr nützlich, um den Wortschatz zu erweitern...) in einem Metroabteil mit Menschen einer anderen Hautfarbe wiederfindet. Für das Ausrauben sind jedenfalls andere zuständig, die Taschendiebe.
Der gemeine Taschendieb (französisch "pickpocket") ist einer
der wenigen Franzosen, der gerne in den Urlaubsmonaten arbeitet und
Paris im Sommer keineswegs verläßt. Zum Leidwesen des
Beraubten ist er weder an seiner Hautfarbe noch an anderen Merkmalen
zu erkennen. Er liebt Menschenmengen und noch mehr liebt er
Touristen. Denn die sprechen die Landessprache nicht und können
daher nicht einmal dann eine Täterbeschreibung liefern, falls sie
doch bemwerken, WER da seine Finger in ihre Tasche gleiten
ließ. (Aber keine Sorge, in der Regel werden sie es nicht
bemerken, zumindest nicht rechtzeitig.) Bevorzugte Arbeitsorte sind
also da, wo viele Menschen, besonders Touristen, unaufmerksam
herumstehen: Bahnhöfe und Métrostationen, vor Notre-Dame oder
Sacré-Coeur, am Place du Tertre oder auf den Avenue des
Champs-Elysées in der Sylvesternacht. Und wo gerade keine
Menschenmenge ist, erzeugen sie bei Bedarf auch selbst eine. Wenn sie
sich beim Einsteigen in einen Zug auf einmal von fünf oder sechs
Menschen umringt finden, obwohl der Bahnsteig vorher gar nicht so voll
war, dann wissen sie hinterher, ob der Ort, den sie für ihre
Brieftasche gewählt hatten, tatsächlich sicher war...
"Sicher" ist alles, was man gerade fest in der Hand hält. (Pariser Diebe
ziehen unauffälliges Entwenden einer auffälligen
Handgreiflichkeit vor.) Bewährt hat sich bei mir, Handtaschen
oder Rucksäcke so unter den Arm klemmen, daß man mit dem
Arm die Klappe oder den Reißverschluß blockiert. Die Pariserin
trägt ihre Handtasche daher auch gerne um den Hals gehängt,
wie ein Kindergartentäschchen, oder schnallt den Rucksack vor den
Bauch. Auch ein Rucksack, dessen Reißverschluß am
Rücken anliegt hat sich bei mir bewährt. (Das gleiche Fach
darf dann natürlich nicht auch von außen her
zugänglich sein!) Generell ist ein Verschluß desto sicherer,
je länger man zum Öffnen desselbigen braucht. Also ist ein
Reißverschluß an der Handtasche besser als ein
Magnetknopf. Seine Tasche ständig verkrampft an sich zu pressen
wäre jetzt auch übertrieben, aber sobald sie sich ins
Gedränge begeben, ist Vorsicht besser. Und auch beim
Photographieren und Bewundern darauf achten, daß kein Wertsachen
unbeobachtet auf dem Rücken baumeln. Auf den Bahnhöfen sein
Gepäck nicht aus den Augen zu lassen (besser noch: immer eine Hand dran
haben) sollte eigentlich selbstverständlich sein.
Nicht diebessicher sind Innentaschen von Jacken, wenn die Jacke nicht
bombenfest verschlossen ist. (Reißverschlüsse sind
nachgewiesenermaßen NICHT
fest genug, alles was Lücken läßt vermutlich auch
nicht.) Auch die hinteren Hosentaschen einer Jeans sind kein guter
Aufenthaltsort für Wertsachen, nicht einmal, wenn man einen
verschlossenen knielangen Mantel darüber
trägt. (Natürlich war in meinen Taschen nichts zu finden,
daher spürte ich die Hände auch so deutlich...).
Wessen
Finger indes zum Klauen nicht geschickt genug sind, der braucht eine andere
Möglichkeit, an Geld zu kommen, Mitleid etwa. Dessen bedienen
sich die Bettler.
Pariser Bettler lassen sich zum einen nach ihrem Tätigkeitsbereich unterscheiden (Métrobettler und Straßenbettler) oder aber nach ihrem Auftreten. Ich werde hier einige Typen so beschreiben, wie sie sich selbst darstellen. (Die dazu verwendeten Begriffe beziehen sich ausschließlich auf die dargestellte Situation und stellen weder ein Urteil über, noch eine Beschreibung einzelner Menschen oder Gruppen dar, die sich möglicherweise mit diesen Begriffen gemeint fühlen könnten.)
Die "Taubstummen" gehen mit einem Täschen behängt durch die
Züge und legen einen oder zwei Plastikschlüsselanhänger
in jede Sitzgruppe. Daran wiederum hängt ein Zettelchen, das den
geneigten Leser darüber aufklärt (auf Französisch und
Englisch), daß der Verteiler taubstumm sei und man ihm doch
durch den Erwerb eines Schlüsselanhägers helfen möge,
sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Der aktuelle Preis für
Schlüsselanhänger liegt bei FF 10,00 bis FF 15,00. Danach
geht der "Taubstumme" ein zweites Mal durch den Waggon und sammelt die
Schlüsselanhänger wieder ein, gegebenenfalls auch das
Geld. Spricht man einen an, antwortet er durch vage Gebärden in
Richtung seiner Ohren.
Ob die Herren und Damen tatsächlich taub sind, entzieht sich
natürlich meiner Kenntnis aber zumindest einige von ihnen zeigen
für Taubstumme erstaunliche Verhaltensweisen wie z.B. den Zettel
auf die englische Seite umdrehen, wenn sich die Fahrgäste einer
Sitzgruppe auf Englisch unterhalten oder zusammenzucken, wenn jemand
etwa sieben Meter hinter dem Schlüsselanhängerverkäufer
niest... . (Falls jemand französische Gebärdensprache
beherrscht: Mich würde das Ergebnis eines kleinen "Tests" doch
brennend interessieren.)
Die "Zigeuner" sind gewöhnlich weiblichen Geschlechts, barfuß
(zumindest im Sommer), tragen
weite, bunte Röcke, ein buntes Kopftuch und gerne ein Baby in ein
Tuch gewickelt. Mit
wahlweise jammernden Lauten oder Segenswünschen für die
Reise (dieses bevorzugt in Zügen) oder auch beidem wird einem
eine Hand unter die Nase gehalten, die
zu ignorieren zumindest einiger Übung erfordert. In den
Schulferien tauchen auch jüngere Exemplare auf, meist ohne
Baby. (Seit Sommer 1999 trifft man auch gelegentlich eine Unterart
dieser Spezies, die statt des üblichen Textes ein jammerndes
"kohosovoho" ausstößt.)
Wer regelmäßig an den gleichen Orten ist bzw. die gleichen
Mètro- oder RER-Linien benutzt, dem wird auffallen, daß die
gleichen Damen nach getaner Arbeit sehr wohl Schuhe besitzen, die
Kopftücher abnehmen und auch sonst wie verwandelt wirken...
Im Winter sind die Damen etwas leichter zu ignorieren, denn hier sitzen
sie lieber dick eingewickeln mit Baby (=alles was jünger als acht
Jahre ist) in den Gängen der Métro im Weg (oder auch am
Straßenrand. möglichst nah bei großen
Geschäften), wo man zwar aufpassen muß, nicht
drüberzustolpern, aber die ausgestreckte Hand leichter
übersehen werden kann.
Die "Benachteiligten und Arbeitslosen"...
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© Oktober 1999 by m.nowak - letzte Aktualisierung am 29.12.2000